Erinnern Sie sich noch an das prähistorische Phänomen namens „gemeinsames Abendessen“? Es fand an einem massiven hölzernen Möbelstück statt, das Historiker heute als „Esstisch“ bezeichnen. Die Regeln dieser abendlichen Zusammenkunft waren einfach, aber nach heutigen Maßstäben psychologisch brutal: Alle Familienmitglieder saßen zur exakt selben Zeit am selben Ort. Man war gezwungen, sich direkt in die ungefilterten Gesichter der Verwandtschaft zu blicken. Dabei praktizierte man eine archaische Form des analogen Datenaustauschs, im Volksmund auch bekannt als „Unterhaltung“.
Papa erzählte einen lauwarmen Witz aus dem Büro, über den traditionell niemand lachte. Mama nutzte die Gelegenheit für das Verhör bezüglich der Hausaufgaben, und die Geschwister trugen einen erbitterten Nahkampf um das letzte Schnitzel aus. Es war laut, es war chaotisch, und man musste permanent Augenkontakt aushalten. Wer das Besteck falsch hielt, wurde gerügt; wer schmatzte, erntete vernichtende Blicke. Kurz gesagt: Man war mangels technischer Alternativen absolut gezwungen, im Hier und Jetzt zu sein. Wenn das Essen vorbei war, blieb man oft noch sitzen, trank Tee und stritt sich höchstens noch darum, wer mit dem Abtrocknen an der Reihe war.
Vom hölzernen Esstisch zur horizontalen Couch-Demokratie
Zeitsprung in die Gegenwart. Der einstige Esstisch führt heute ein tristes Dasein als staubige Ablagefläche für ungeöffnete Rechnungen und leere Amazon-Kartons. Das Epizentrum des familiären Zusammenlebens hat eine strategische Umverlagerung erfahren: auf das Sofa. Hier herrscht nun die absolute, horizontale Demokratie der leuchtenden Bildschirme. Das Faszinierende daran ist: Niemand im Raum spricht mehr ein einziges hörbares Wort, aber alle kommunizieren wie wild. Die Familie sitzt zwar physisch so eng Beine an Beine gepresst auf der Couch, dass kein Blatt Papier dazwischen passt, doch geistig trennen die Mitglieder Lichtjahre und verschiedene Serverräume.
Statt „Reich mir mal bitte das Salz“ lautet das neue familiäre Credo: „Ich schick dir mal eben den Link“. Wenn der Sohn ein witziges Video auf TikTok entdeckt, dreht er nicht etwa den Kopf. Nein, er markiert seine Mutter, die exakt zehn Zentimeter weiter links auf dem Polster sitzt. Sie quittiert den Empfang mit einem kurzen Aufschrecken ihres Smartphone-Vibrationsalarms, tippt ein emotionsloses „LMAO“ in die Tastatur und schickt ihm im Gegenzug einen animierten WhatsApp-Sticker. Papa scrollt derweil völlig tranceartig durch YouTube-Videos über die richtige Wartung von Rasenmähern, während die Tochter per Instagram-Story live aus dem Wohnzimmer streamt – versehen mit dem Hashtag #FamilyTime und einem Filter, der alle wie niedliche Hunde aussehen lässt. Alles geschieht in einer beinahe andächtigen Schweigsamkeit.
Diese moderne Form des Zusammenlebens bringt jedoch unbestreitbare Vorteile mit sich: Die Epoche der lautstarken Streitigkeiten über Politik oder schlechte Schulnoten ist vorbei. Im Zweifelsfall blockiert man den Teenager einfach temporär im Heim-WLAN oder schaltet den Familien-Chat auf „Stumm“. Früher flogen bei Meinungsverschiedenheiten die Fetzen quer über die Suppenschüsseln hinweg. Heute entlädt sich der passive Frust ganz elegant dadurch, dass man Papas mühsam herausgesuchtes Meme in der Familien-Gruppe demonstrativ ohne ein digitales „Gefällt mir“-Herzchen stehen lässt.
Sollten die Akkus der Geräte im Haus jemals gleichzeitig den Geist aufgeben, droht der Familie allerdings die absolute Kernschmelze. Plötzlich müsste man wieder die echten Stimmen der anderen hören und schockiert feststellen, dass der kleine Bruder inzwischen einen Vollbart trägt. Doch bis dieser Ernstfall eintritt, gilt auf dem Sofa weiterhin das friedliche Motto der Generation Touchscreen:
Zusammen ist man weniger allein – vorausgesetzt, das Datenvolumen reicht bis zum Monatsende.